Was ist Psychokardiologie?

Die Psychokardiologie ist ein neues wissenschaftliches Fachgebiet und umfasst die Wissensbestände zahlreicher Disziplinen: Kardiologie, Psychosomatik, Psychologie und Soziologie, Epidemiologie, Arbeitsmedizin und Gesundheitsforschung.
Aktuelle Grundlagenforschungen verbinden psychokardiologische Erkenntnisse und Fragestellungen heute auch mit epigenetischen, endokrinologischen und immunologischen Vorgängen und versuchen auf dieser Ebene die Entstehung und Entwicklung der Arteriosklerose zu verstehen.

 

Der Zusammenhang zwischen Herz und Seele ist seit Jahrtausenden ein faszinierender Gegenstand des Denkens und Forschens der Menschen. Schon immer haben Menschen den Zusammenhang zwischen spezifischen Emotionen wie Angst, Wut, Ärger und Hass oder auch Freude, Liebe und Trauer gespürt. Unser Herzschlag verändert sich so spürbar, dass es keinem Menschen entgehen kann und unser Herz ist dadurch sicher auch ein psychisch sehr hoch besetztes Organ unseres psychischen Apparates.
Nicht zufällig wird es in vielen Kulturen als der Sitz der Seele angesehen (vgl. „Das Herz – der Sitz der Seele“, Vortrag im Rahmen des Studium Generale der Universität Mainz, siehe im Downloadbereich). Das Herz wird mit nahezu allen Erlebniszuständen in Verbindung gebracht und von Künstlern immer wieder variierend als Metapher verwendet (vgl. Reich-Ranicki: „Das Herz – Der Joker der deutschen Literatur“).
Ist das Herz aber krank oder in seiner Funktion gestört, stolpert, holpert oder jagt es, verursacht es Schmerzen oder andere Missempfindungen so gibt es fortan nur noch eine psychologische Verbindungsstrecke: nämlich „Herz und Angst“.

 

Die systematische wissenschaftliche Erforschung der genannten Zusammenhänge kann auf den Beginn des 20. Jahrhunderts datiert werden. Von da an werden in größeren Studien die zentralen Fragestellungen der Pionierzeit thematisiert: Welche psychosozialen Faktoren beeinflussen die Entstehung und den Verlauf der Herzerkrankungen (sog. risikosteigernde Faktoren).

 

Viele bedeutende Forscherinnen und Forscher wären hier zu nennen und natürlich auch einige absolut herausragende Studien, die den Weg zu den heutigen Wissensbeständen geebnet haben. An dieser Stelle kann aber keine Wissenschaftsgeschichte der Psychokardiologie geschrieben werden. Wir wollen einige wirklich bedeutende Namen nennen und müssen auf andere Überblicksarbeiten verweisen (vgl. u.a. Bardé & Jordan).

Besonders hervorzuheben sind die Pionierarbeiten des deutschen Arztes Ludwig Braun, der bereits 1920 sein eindrucksvolles Buch „Herz und Psyche“ und 1932 sein zweites Buch  „Herz und Angst“ veröffentlichte.

 

In den USA hat vor allem Frau Flanders Dunbar und ihre Arbeitsgruppe in New York am Presbyterian Hospital wesentliche systematische Befunde zur  koronaren Herzerkrankung vorgelegt und man kann sie mit Fug und Recht als eine bedeutende Mitbegründerin der Psychosomatik und der Psychokardiologie ansehen.

 

In Deutschland kann man nicht von der Psychokardiologie sprechen, ohne an Peter Hahns wichtige Arbeiten und seine Arbeitsgruppe in Heidelberg zu denken.

 

Die wichtigste und bis heute meist zitierte Studie zu Ursachen und Risiken der Herzerkrankung ist sicher die Framingham Studie, die 1948 begann und bis heute läuft. Mehr als 5000 gesunde Personen wurden anfänglich eingeschlossen. Die Personen werden bis heute weiterhin regelmäßig untersucht, so dass zahlreiche Ursachenbündel nachgewiesen werden konnten.
Die koronare Herzerkrankung wird ursächlich ausgelöst durch:

  • einen chronisch erhöhten Cholesterinwert
  • einen chronisch zu hohen Blutdruck
  • durch hohen Blutzucker und Diabetes
  • durch Nikotinmissbrauch
  • durch Bewegungsmangel.

Viele weitere gute empirische Studien haben in den letzten Jahrzehnten dann weitere psychosoziale Risikofaktoren belegen können.

 

Zur Suche nach Ursachen und Risiken rückten etwa seit 1975 Fragestellungen in den Mittelpunkt, die auch die psychische Verarbeitung verschiedener Herzerkrankungen sowie das Erleben unterschiedlicher medizinischer Eingriffe der Kardiologie thematisierten (etwa Herztransplantationen, Bypassoperationen, Durchgangssyndrome, Schrittmacher- und Defiimplantation etc.).

 

In den letzten 15 Jahren wurden dann zunehmend psychologisch begründeten Interventionen für die Erkrankten entwickelt und evaluiert. Hier stehen Studien im Mittelpunkt, die versuchen, die krankheitsbedingte Depressivität oder Angst zu mindern und damit auch die Lebenszeit zu verlängern. Ein der teuerste psychologischen Studien, die je weltweit finanziert wurden beschäftigt sich mit dieser Fragestellung und läuft derzeit noch immer (die sog. ENRICHD-Studie in den USA).

 

Das Fachgebiet entwickelte sich bereits nach dem zweiten Weltkrieg so rasch und intensiv, dass ab etwa 1980 die Wissensbestände kaum noch überschaubar waren. Das Forschungsparadox bestand etwa 1995 gleichzeitig darin, dass die umfassenden und beeindruckenden Wissensbestände zu den psychosozialen Komponenten von Herzerkrankungen in keinem Gesundheitssystem der Welt irgendeine systematische Relevanz besaßen: das heißt: im klinischen Alltag fanden die Wissensbestände keinerlei Niederschlag.

 

Ganz persönlich haben wir (BB & JJ) dies an der eigenen Arbeit mehrfach bemerkt und das Scheitern mancher Kooperationsversuche führte auch zu unserer Zusammenarbeit (etwa im Jahr 1980).
Unser Ärger und unsere Enttäuschung über das fast regelhafte Scheitern (welches wir auch von vielen KollegInnen in anderen institutionellen Kontexten kannten) war für uns Anlass, in einer selbstreflexiven analytischen Haltung eine Standortbestimmung vorzunehmen.
Die zentrale Frage war: warum werden die so eindrucksvollen und klinisch relevanten psychosozialen Wissensbestände nicht von der Kardiologie rezipiert und warum finden sie keinen Eingang in den klinischen Alltag, wo doch zugleich viele Menschen Hilfe auf der psychologischen Ebene brauchen.
Unsere wesentliche selbstreflexive Antwort auf diese Frage lautet etwa so: Wir, die sog. Psychos, haben es versäumt die Wissensbestände zu systematisieren und kompakt und lesbar darzustellen. Selbst ein interessierter und begeisterungsfähiger Kardiologe wäre kaum in der Lage gewesen, sich das Wissen anzueignen, weil er hunderte von Studien suchen, lesen und bewerten müsste und weil er schnell in Widersprüchen und methodischen Problemen hängengeblieben wäre.

 

Beispielsweise gab es zur Frage der Beeinflussung des Blutdrucks durch psychische Vorgänge 1995 ca. 4000 wissenschaftliche Publikationen und 10 Metaanalysen; zur Frage, ob eine Depression nach einem Herzinfarkt die Prognose verschlechtert lagen ca. 450 Studien vor.
So sah die wissenschaftliche Landschaft damals zu allen relevanten Detailfragestellungen aus. Es gab kein Lehrbuch, keinen Reader und nur sehr wenige systematische Überblicksreferate.

 

Die sich abzeichnende Konsequenz war einfach: wir müssen den KardiologInnen die Wissensbestände darstellen, aufbereiten und bewerten. Dies würde eine solide Basis einer Kooperation schaffen, zumal die Kardiologie seit Jahren eine Wissenschaft war, in der wesentliche Forschungsfragen immer wieder systematisch bearbeitet und auf Weltkongressen und in Zeitschriften dargestellt wurden. Hier war es schon damals üblich, dass weltweit bestimmte Erkenntnisse als gesichert und handlungsleitend konsensuell in Expertenkommissionen “verabschiedet” wurden. Jeder Kardiologe auf der Welt konnte wissen, dass nach aktueller Lehrmeinung in spezifischen Situationen in immer gleicher Weise zu verfahren ist, dass bestimmte Medikamente Standard sein sollten etc..

 

Daraus ergab sich für uns die Notwendigkeit einer Systematisierung der gesamten weltweiten humanwissenschaftlichen Kenntnisse über psycho-soziale Faktoren von Herz-Kreislauferkrankungen. Diese Wissen existierte zwar in Überfülle, war aber naturwüchsig, unendlich mannigfaltig und auch widersprüchlich und damit völlig unübersichtlich und für eine Einzelperson nicht mehr überschaubar.

 

Zwangsläufig gerieten wir derart in die Tradition der französischen Enzyklopädisten Diderot, D`Alembert und Voltaire oder der Strukturalisten wie Foucault und setzten diese fort in der Planung einer Delphi- bzw. Statuskonferenz.
Die inhaltliche Vorbereitung dauerte ca. 18 Monate und umfasste auch die Planung zu deren Finanzierung über Drittmittel. Im Jahre 1998 fiel dann der Startschuss zu diesem außerordentlich interessanten Verfahren, an dem insgesamt 38 WissenschaftlerInnen beteiligt waren.

 

Es entstand eine freimütige Atmosphäre der Diskussion und gegenseitigen Wertschätzung, die in Fortsetzung der altgriechischen Parrhesía tatsächlich den Namen “Delphi-Konferenz” verdient hatte. Alle ExpertInnen unterschiedlicher Provenienz beteiligten sich mit großem Engagement und einem produktiven Fleiss, der in insgesamt 14 hochqualifizierten Expertisen zum Ausdruck kam. Diese wurden in der eigens dafür gegründeten Schriftenreihe „Statuskonferenz Psychokardiologie“ publiziert (vgl. Publikationsverzeichnis auf dieser Homepage).

 

Die überzeugenden Resultate der gemeinsamen Arbeit fand ihre erste Anerkennung in der Verleihung des „Meise-Preises“, der unserer Gruppe von der DGPR verliehen wurde und uns auch zur Weiterfinanzierung des Forschungsprojektes sehr hilfreich war. Weitere finanzielle Unterstützung erhielten wir von der Reimers Stiftung und der Boehringer Ingelheim Stiftung. Ohne diese Unterstützung wäre das Projekt gescheitert.

 

Natürlich steht diese Idee und die Arbeit dieser großen Arbeitsgruppe aus 38 Personen nicht im luftleeren Raum. Wesentlich ist, dass es die Zeit der aufkommenden sog. „Evidence based Medicine“ war, die alle wissenschaftlichen Fachgesellschaften dazu veranlasste, das Wissen zu systematisieren und in handlungsleitende Richtlinien zu gießen (die sog. Leitlinienentwicklung). Im Zuge dieser Erfordernisse gab es entsprechende Vorbereitungen zum Beispiel im Rahmen des Deutschen Kollegiums für Psychosomatische Medizin (DKPM) die dann natürlich mit dem beschriebenen Vorhaben verschmolzen wurden.

Auch in anderen Ländern gab es Bestrebungen, das bisher gesammelte Wissen zu systematisieren, so dass man zwischen 1985 und 2010 zahlreiche bedeutende Überblicksarbeiten finden kann, die im Grunde die neue Disziplin Psychokardiologie vorbereiteten.
Hier ist zuerst der von Dembroski, Weiss, Shields, Haynes und Feinleib schon 1978 editierte Band „Coronary Prone Behavior“ zu erwähnen, natürlich das von Schmidt, Dembroski und Blümchen 1986 herausgegebene Buch „Biological and Psychological Factors in Cardiovascular Disease“, aber auch das von Byrne und Rosenman 1990 herausgegebene Buch „Anxiety and Heart“.
Eine italienische Arbeitsgruppe um Enrico Molinari aus Mailand veröffentlichte 2006 einen sehr schönen Reader mit Aufsätzen von vielen bekannten Autorinnen und Autoren aus verschiedenen Ländern (Clinical Psychology and Heart Disease).

 

In vielen Ländern entwickelten sich kooperativ, parallel und zum Teil unabhängig voneinander die Bemühungen der Systematisierung der Forschung. Im englischsprachigen Raum spricht man außer von Psychocardiology auch von Cardiac Psychology oder Behavioral Cardiology. Ein wichtiges Buch in dieser Hinsicht war das 1996 erschienene Buch „Heart and Mind“ von Allan & Scheidt.

 

Im deutschsprachigen Raum entwickelte sich das Fach rasch und hat heute eine große Bedeutung erlangt. Zuerst hatte die DGPR (Deutsche Gesellschaft für Prävention und Rehabilitation von Herz-Kreislauferkrankungen) erkannt, dass es ohne die psychologische Perspektive keine angemessene Behandlung und Rehabilitation aber auch keine Prävention von Herzkrankheiten geben kann. Seit vielen Jahren ist im Vorstand der DGPR immer ein psychosozial ausgewiesener Wissenschaftler tätig. In den letzten Jahren teilen sich jeweils ein Kardiologe und ein Psychokardiologe den Vorsitz der jährlichen Tagungen.
Immerhin hat heute auch die große traditionsreiche Deutsche Gesellschaft für Kardiologie eine eigene Arbeitsgruppe „Psychosoziale Kardiologie“ und bietet ein zertifiziertes Fortbildungsprogramm „Psychokardiologische Grundversorgung“ an. Hierfür ist auch ein erstes Lehrbuch erschienen (Herrmann-Lingen; Albus & Titscher: Psychokardiologie. Ein Praxisleitfaden für Ärzte und Psychologen, 2008).
Entsprechende Entwicklungen gibt es auch in Österreich und der Schweiz.

 

Andere wichtige Gesellschaften tun sich noch schwer mit der Psychokardiologie (z.B. die Deutsche Herzstiftung), wobei insgesamt gesagt werden kann, dass die psychokardiologische Forschung heute ernst genommen wird und niemand bestreiten würde, dass die psychologische Seite der Entstehung, des Verlaufs und der Behandlung kardialer Krankheiten enorme Bedeutung hat. In der Praxis sieht dies noch anders aus und die Erkenntnisse spielen weltweit nahezu keine Rolle in der Patientenversorgung.
Dies wird die Aufgabe der kommenden Jahrzehnte sein.

 

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